Du musst die Extrameile gehen um erfolgreich zu sein. Immer 120% geben. Immer besser sein als die Kollegen. Immer unter den Highperformern sein. Jeder will das Maximum und noch mehr rausholen: Motivationscoaches, Bundesligatrainer und auch dein durchschnittlicher Vorgesetzter.

Meine Geschichte

ExtrameileIch war 15 Jahre in einer der umkämpftesten Branchen im Vertrieb tätig: Telekommunikation für Geschäftskunden. Dazu muss man wissen, dass es sich hier um einen komplett gesättigten Markt handelt. Aufträge werden ausschließlich über Verdrängung gewonnen, Anbieter A wird durch Anbieter B ersetzt. Welcher Geschäftskunde hat denn heute noch keinen Telefonanschluss, Internetzugang oder einen Handyvertrag? Keiner!

Um in so einem Marktumfeld erfolgreich zu sein, muss man sich einiges einfallen lassen. Viele schaffen die Zielvorgaben nicht alleine über eine intrinsische Motivation, also aus eigener Kraft aus sich selbst heraus. Daher sorgt der Arbeitgeber für die nötige extrinsische Motivation durch Geld, Motivationsveranstaltungen und eben dem Einfordern von Extrameilen.

Die erste Begegnung mit der Extrameile

Für fast alle Vorgesetzten, die ich in 15 Jahren bei verschiedenen Arbeitgebern hatte, war die Extrameile der Schlüssel zum Erfolg. Schon in meinem ersten Vertriebsjob nahm mich meine Chefin zur Seite und sagte sinngemäß zu mir: „Schau dir mal den Alois an. Der ist so fleißig und macht jeden Tag Kaltakquise und hat deswegen so viele Termine, dass er nur selten ins Büro kommt. Und wenn jemand so erfolgreich ist, dann muss er auch nicht ins Büro kommen und kann auch mal Mittag schön was Essen gehen“. Wunderbar, wer also die Extrameile geht, der darf dann mittags auch was Essen gehen?! Komisch kam’s mir damals schon vor, aber ich habe noch 14 weitere Jahre gebraucht, um das Prinzip dahinter zu erkennen.

Kick-Off …

Nach einigen Berufsjahren bei kleinen und mittelständischen Unternehmen heuerte ich bei einem der großen drei Mobilfunkanbieter an. Hier hatte ich das erste mal das Vergnügen, an einem „richtigen“ Kickoff teilzunehmen. Kickoff-Veranstaltungen waren jetzt nichts wirklich Neues für mich. Bisher kannte ich das allerdings als ein Teamtreffen, in dem am Anfang des Jahres Ziele definiert wurden und Pläne gemacht wurden, wie man diese erreichen will.

Doch dieser Kickoff war etwas komplett anderes: in einer Event Location trafen sich rund 250 Mitarbeiter aus Vertrieb, Sales Support, Marketing und Produktmanagement. In einer ganztägigen Veranstaltung wurden alle Teilnehmer einer solchen Gehirnwäsche unterzogen, dass die Church of Scientology harmlos dagegen ist. Eigens für die Veranstaltung gebuchte Moderatoren brachten meine Kollegen und mich auf Spur. Die Sprecher, Mitglieder der Geschäftsführung und Abteilungsleiter, wurden nicht fertig damit uns zu erzählen, dass das unser Jahr wird und wir alle Rekorde knacken werden wenn wir denn nur so richtig für unsere Firma, für unser Ding brennen würden.

Highlight dieser denkwürdigen Veranstaltung war die Ehrung der besten Vertriebsmitarbeiter. Zuerst wurden alle Teilnehmer des 100% Clubs auf die Bühne gerufen, also diejenigen, die ihre persönliche Zielvorgabe erreicht hatten. Mit kurzer persönlicher Vorstellung durften danach die besten 5%, die Top Performer auf die Bühne. Natürlich wurde in den Vorstellungen bei fast jedem darauf hingewiesen, dass das Rezept seines Erfolgs die Extrameile war. Übrig blieb ein Häufchen Mitarbeiter, die zu keiner der beiden Gruppen gehörten. Diese „Lowperformer“ wurden von oben mitleidig belächelt und vom Chef in die Mangel genommen, warum man denn nicht da oben stehen würde.

… und meine Schlüsse daraus

Also machte ich mit. Ging die Extrameile. Machte Überstunden. Fuhr an einem Tag 600 km für ein völlig sinnfreies Meeting, weil ich eine Terminvorgabe zu erfüllen hatte. extrameile meetingExtrameilen sind nämlich genau im Sales Funnel vorgegeben. Nach dem einfachen Prinzip „je mehr man oben reinschüttet umso mehr kommt unten raus“ gab es Vorgaben für Kaltanrufe, Neukundentermine, Termine für Angebotspräsentationen und Abschlusstermine. Und wer da nicht die passende Quote hatte, der durfte sich dann auch mal in der wöchentlichen Telefonkonferenz vor versammelter Mannschaft den Kopf waschen lassen.

Generell hatte ich schon immer ein Problem fremdbestimmt zu sein. Ich kann mir meine Arbeit gut selbst einteilen und brauche keinen Vorturner, der mich zu weiteren Höchstleistungen und Extrameilen antreibt. Aber leider hatte ich nur wenige Chefs die das akzeptieren konnten. Man muss ihnen wohl auch zu Gute halten, dass sie ja auch nur eine Zahnrad in der Vertriebsmaschinerie waren und den Druck von oben nach unten durchgeleitet haben. Wobei man sich von einem guten Chef durchaus ein so breites Kreuz wünschen darf, dass er den Druck auch mal aushalten kann anstatt ungefiltert an seine Mitarbeiter weiterzugeben. In 15 Jahren ist mir leider nur eine Person begegnet, die das geschafft hat.

Die Extrameile als schlechtes Führungsinstrument

Es gibt einige Motivationscoaches, die die Extrameile darüber definieren, dass man für seine Kunden mehr als der Durchschnitt macht, um ein exzellentes Kundenerlebnis zu bieten. Das finde ich gut und in keinster Weise verwerflich. Mir geht es bei der Extrameile um ein Instrument, dass von schlechten Vorgesetzten dafür zweckentfremdet wird, Mitarbeitern dauerhaft eine Leistung abzuverlangen, die weit über das gesunde Maß hinaus geht. Das über kurz oder lang dazu führt, dass der Mitarbeiter nicht mehr für die Sache brennt, sondern verbrennt. Das nennt man dann einen Burn Out, die Formulierung ist mehr als passend.

Zugegeben, mich hat meine persönliche Extrameile erst in meiner Selbständigkeit in die Knie gezwungen. Ich will niemand anderem die Schuld daran geben, aber wenn man so viele Jahre darauf geprägt wird, dass eine tägliche Arbeitszeit von weniger als 10 Stunden als halber Tag Urlaub gilt, hinterlässt das seine Spuren. Also habe ich in meiner Selbständigkeit genau so weiter gemacht wie ich es aus meinem Angestelltenverhältnis kannte. Mindestens zwei Termine vor Ort beim Kunden pro Tag, die restliche Zeit für Kaltakquise zur Vereinbarung weiterer Termine nutzen und in der verbleibenden Zeit sich um E-Mails und Angebotserstellung kümmern. Macht also dann im Regelfall 10 bis 12 Stunden Arbeitszeit pro Tag.

Burn Out

Warum schreibe ich das? Leider habe ich zu spät erkannt, dass ich mir und meinem Körper lange Zeit zu viel zugemutet habe. Im August 2016 bekam ich dann die Rechnung dafür präsentiert. extrameile burnoutSelbst die kleinsten Dinge kosteten mich unheimlich viel Kraft und an einigen Tagen habe ich es kaum geschafft die nötige Energie aufzubringen um morgens aus dem Bett zu kommen. Ein Burn Out kommt nicht von heute auf morgen und fast immer sendet dir dein Körper Warnsignale, wenn es zu viel ist. So war es auch bei mir aber ich wollte die Signale nicht hören. Fehler! Großer Fehler! Höre auf diese Warnsignale! Noch heute, fast ein Jahr danach, kämpfe ich immer noch mit den Auswirkungen.

Mach nicht den gleichen Fehler wie ich. Sicher gibt es auch Menschen, die mit einer 60 bis 80 Stunden Arbeitswoche klarkommen. Aber die meisten, die ich kennengelernt habe, sind nicht wirklich glücklich damit. Und das viele Geld, dass sie verdienen, nutzen sie in erster Linie um die Leere in ihren Leben mit Dingen zu stopfen: teure Uhren, Autos und ein Haus. Bitte nicht falsch verstehen, ich verteufle diese Dinge nicht. Jeder soll sein Leben leben wie er möchte. Aber meine Erkenntnis ist, dass die vielen Dinge nicht glücklich machen und die Zeit und Kraft die du aufbringen musst, um sich diese Dinge kaufen zu können, nicht dafür steht.

Die Suche nach dem Glück

Irgendwie sind wir doch alle auf der Suche nach unserem persönlichen Stück vom Glück. Allen da draußen, die in einer ähnlichen Situation wie ich damals stecken, kann ich nur dazu ermuntern, einen anderen Weg zu versuchen:

Zeit statt Dinge.
Reduziere deinen Konsum.
Weniger Konsum = Weniger Kosten = Weniger Arbeit.
Arbeite smart – nicht hart.
Nutze die gewonnene Zeit für dich und deine Familie.
Werde glücklich.

Eigentlich ganz einfach, oder? Für diese einfache Erkenntnis habe ich leider einen Burn Out gebraucht. Den würde ich dir wirklich gerne ersparen. Wenn du dich erst einmal auf den Weg gemacht hat, wirst du feststellen, das es nicht schwer ist. Ganz im Gegenteil: mit jedem Schritt in die richtige Richtung wird es leichter und du merkst, wie die Last auf deinen Schultern von Tag zu Tag weniger wird.

Du hast Fragen an mich? Du brauchst Hilfe auf deinem Weg? Hinterlasse mir einen Kommentar. Ich freue mich über jeden, den ich zu ein bisschen Glück verhelfen kann.

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Hi, ich bin Alex, der kreative Kopf in der Familie und für alles technische zuständig. In meinem alten Leben habe ich viele Jahre im Vertrieb gearbeitet. Ein Burnout im Sommer 2016 hat meine Prioritäten gehörig verschoben – seitdem lebe ich mein Leben im hier und jetzt. Ich arbeite smart statt hart. Durch meinen Konsumverzicht muss ich weniger erwirtschaften. Die gewonnene Zeit nutze ich für das wertvollste auf dieser Welt: meine Familie.