Warum geben wir uns eigentlich bei jeder sich bietenden Gelegenheit dem Konsum hin? Wie Besitz belastet und warum Minimalismus eine Lösung sein kann, habe ich in meinem letzten Blogpost beschrieben.

Doch wieso meinen wir, dass diese Vase, der Kerzenhalter, die Kommode im shabby look, der Teller im Retro-Design, die Designeruhr, das neueste Apfel-Produkt unser Leben schöner und uns glücklicher machen? Wir kaufen jedes Jahr zu Ostern neue Dekoeier und -osterhasen, zu Weihnachten neuen Baumschmuck, neue Lichterketten, noch mehr Blink Blink für den Vorgarten. Achja, da wären noch Halloween, Fasching, Frühlingsanfang, Geburtstagsmottopartys usw., – die Geschäfte werden nicht müde uns glauben zu machen wir brauchen jedes Jahr aufs Neue diesen ganzen Plunder und den Nippes um ein einladendes und heimeliges Zuhause haben.

konsum

Doch dabei bleibt es nicht. Klamotten und Schuhe lassen unsere Kleiderschränke platzen und trotzdem haben wir nichts zum Anziehen. Die Küchenschränke sind überfüllt mit einer Batterie an Haushaltsgeräten und Tupperware und dennoch kochen wir jede Woche das Gleiche. Die Kinderzimmer sind umfangreicher bestückt als jeder Kindergarten und trotzdem wissen die Kinder vor Langeweile nichts mit sich anzufangen. Und wenn dann selbst unsere Keller und Dachboden nicht mehr ausreichen, spätestens dann müssen wir umziehen in eine größere Bleibe.

Ich denke, du weißt wovon ich schreibe und kennst mit Sicherheit selbst diese schwindelerregenden Zustände des Konsumrausches. Aber warum konsumieren wir eigentlich mehr als wir wirklich für die Befriedigung unsere Bedürfnisse brauchen?

Seit einigen Jahren beschäftige ich mich nun schon mit dem Reduzieren unseres Hausstandes und somit mit allen Aspekten des Minimalismus. Ich habe unzählige Bücher und Blogs gelesen und einen ganzen Haufen an Youtubevideos gesehen. Aber eins hab ich immer vermisst: WARUM stopfen wir uns eigentlich mit Dingen bis zum Dachboden voll und wollen dann irgendwann alles wieder los werden? Eine sehr gute Erklärung liefert die Bedürfnispyramide nach Maslow. Auch wenn es zunächst etwas in die Theorie geht – es lohnt sich bis zum Ende zu lesen! Ich bin mir sicher, dass du dich an der ein oder anderen Stelle wiederfinden wirst.

Die Bedürfnispyramide nach Abraham Maslow

Vielleicht hast du von der maslowschen Bedürfnispyramide schon einmal etwas gehört. Falls nicht, ich erkläre sie ganz kurz und knapp. Möchtest du mehr darüber erfahren, dann findest du hier eine wissenschaftlichere Abhandlung dazu.

Die Theorie

Abraham Maslow, Doktor der Psychologie, hat zunächst durch Beobachtungen von Affen herausgefunden, dass der Mensch Bedürfnisse hat, die anderen Bedürfnissen untergeordnet sind. Hieraus hat er eine hierarische Bedürfnispyramide abgeleitet:

Maslow Bedürfnispyramide

Maslow hat festgestellt, dass bei uns Menschen zu allererst die physiologischen Grundbedürfnisse wie Luft zum Atmen, Trinken, Nahrung, Schlaf usw. erfüllt sein müssen. Können diese nicht ausreichend befriedigt werden, so sind wir existenziell bedroht und können uns um keine Bedürfnisse kümmern, die in der Pyramide darüber stehen.

Als nächstes sind wir bestrebt, die sog. Sicherheitsbedürfnisse zu befriedigen. Also suchen wir uns eine sichere Umgebung, Stabilität und Schutz. Konkret bedeutet das ein Dach über den Kopf und Arbeit, damit unser Sicherheitsverlangen finanziell abgesichert ist.

Die dritte Ebene umfasst das Sozialbedürfnis. Wir streben nach Liebe und Zugehörigkeit zu einer Familie, Gruppe oder Gemeinschaft. Wir sind soziale Wesen und suchen die Nähe der anderen. Wir möchten lieben und vor allem geliebt werden. Finden wir das nicht oder nur unzureichend, erwachsen in uns Gefühle der Einsamkeit und Isolation. Soziale Ängste können entstehen.

Nun wird es interessant: in der vierten Ebene sind wir bestrebt Anerkennung und Wertschätzung zu erfahren. Zum einen möchten wir von unseren Mitmenschen respektiert und anerkannt werden, wir wollen Ehre, Ruhm, Würde und Status. Zum anderen benötigen wir die Selbstachtung, das schließt Selbstvertrauen, Kompetenz, Leistung, sowie Unabhängigkeit und Freiheit mit ein. Und erst wenn wir alle Bedürfnisse in allen Ebenen weitestgehend erfüllt haben, können wir persönliches Wachstum erfahren und uns weiterentwickeln, ohne zu stagnieren.

Maslow beschreibt diese vier ersten Ebenen als Defizitbedürfnisse. Damit meint er, dass wenn ein Bedürfnis davon nicht erfüllt wird, wir uns in einem defizitären Zustand befinden und einen Mangel verspüren. Wir streben danach, dieses Bedürfnis zu befriedigen.

Was bedeutet das in der Praxis

Was hat das jetzt eigentlich mit unserem Konsumverhalten zu tun? So einiges, eigentlich alles!

Den meisten von uns Bewohnern eines industrialisierten Landes fehlt es nicht an den physiologischen Grundbedürfnissen. Wir haben saubere Luft zum Atmen, ausreichend Nahrungsmittel und Zugang zu sauberem Trinkwasser. Darüber hinaus irgendeine eine Unterkunft und müssen auch nicht um unser Leben bangen. Auch sind wir in irgendeiner Art und Weise finanziell abgesichert, entweder haben wir einen Job oder werden durch andere soziale Leistungen aufgefangen (Sicherheitsbedürfnis).

Wir sehnen uns nach unseren Mitmenschen

Doch bereits in der dritten Ebene der Pyramide mangelt es vielen Menschen an sozialer Nähe, Liebe und Geborgenheit. Fühlen wir uns isoliert, einsam, allein, ungeliebt oder emotional vernachlässigt, dann versuchen wir diese Leere mit Dingen zu füllen. Wir trösten uns mit materiellem Zeug, Drogen oder anderen Suchtmitteln. Diese Ersatzbefriedigung können wir soweit perfektionieren, dass wir nicht nur andere glauben machen, dass es uns gut geht, sondern wir glauben uns das selbst auch. Wir hören nicht mehr in uns hinein, sondern konsumieren blind weiter. Somit bleibt keine Zeit sich mit sich selbst, mit seinen eigentlichen Herzenswünschen oder mit seinem Seelenschmerz, seinen Kindern, seiner Familie, seinen Freunden oder dem Weltfrieden auseinander zu setzen.

Nicht umsonst zählt die „Kaufsucht“, ebenso wie die Spielsucht, zu den stoffungebunden Süchten und triggert genauso unser Belohnungssystem an. Wir fühlen uns kurzzeitig gut, bis zum nächsten Konsumzwang.

Du bist was du konsumierst – nicht

Die vierte Ebene der Maslowschen Pyramide beschreibt das Bedürfnis nach Status, Respekt, Anerkennung und Wertschätzung. Hier schlägt der Konsum gnadenlos zu. Wir können damit so richtig protzen, damit die anderen glotzen! Es wird verglichen, gemessen und angegeben wie ein Gockel, der zeigen muss wie rot und prächtig sein Hahnenkamm ist. Dieser Wettbewerbsgedanke, höher, schneller, weiter, wird uns bereits in der Sandkiste eingeimpft und macht vor dem Kindergarten und der Schule keinen Halt. Zudem schmeichelt es unserem Ego, ist aber für die Erfüllung unseres Selbstwertes im eigentlichen Wortsinn absolut nicht zuträglich. Denn wir glauben nur, dass wir mittels unserer Statussymbole den Respekt und die Wertschätzung unsere Mitmenschen erhalten, die wir für unser inneres Wohlbefinden brauchen. Doch das Gegenteil ist der Fall, Konsum ist nur eine Hülle, die unser eigentliches ICH zu verstecken versucht.

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Wir brauchen Menschen, die uns gern haben weil wir sind wie wir sind. Für sie ist der materielle Status uninteressant. Sie geben sich nicht auf Grund unserer Statussymbole mit uns ab, nicht damit sie selbst im Glanz unseres neuen Cabrios leuchten. Es sind Menschen, die uns mit allen Facetten unseres wunderbaren Seins annehmen. Nur diese Art von Status ist elementar und bereichert unser Leben enorm.

Verdienen wir nur noch unsere Brötchen?

Einige der grundlegendsten physiologischen Bedürfnisse sind Nahrung und Trinken, sowie Wärme und Schutz. Um uns das leisten zu können müssen wir Geld verdienen, das ist eine einfache Rechnung. Doch ich behaupte, dass viele von uns weitaus mehr arbeiten und mehr Geld verdienen als wir für unsere täglichen Brötchen brauchen würden. Wir sind leistungsorientiert, wir streben immer nach Wachstum, was auch die Pyramide verdeutlicht und auf eine bestimmte Art und Weise sinnvoll ist. Aber viele haben vor lauter Arbeit kaum noch Zeit um zu leben. Also so richtig viel Zeit mit den Liebsten oder sich selbst verbringen, außerhalb vom Wochenende, den Feiertagen und ihrem Urlaub.

Und weil wir so viel und lange arbeiten, müssen wir uns selbst dafür entschädigen. Vor allem wenn unser Job nicht besonders lohnenswert oder gar sinnstiftend ist. Wenn ich mich für meinen Chef krumm buckle, mich die Kollegen nerven oder die Kunden, dann gönne ich mir etwas von meinem „Schmerzensgeld“. Alex hat oft eine Extrameile gedreht und sich dann von seiner On-Top-Provision einen Herzenswunsch erfüllt, denn für „irgendwas muss die viele Arbeit und der Frust ja gut sein“.  Ein großer Wunsch, aber eben auch ein materieller, war eine Siebträgermaschine für schlappe *hust* 850 €, die er bis heute heiß und innig liebt und bei der das Kaffee kochen einer Zeremonie gleicht.

Diese Maschine hat sich Alex von seiner Abfindung gegönnt, die er für seine Arbeit in einem Großkonzern bekommen hat. Doch sie erinnert uns auch beide immer wieder an eine sehr anstrengende, von Arbeit ausgefüllte und aufgrund der Abwesenheit vom Partner, Ehemann und Papa entbehrungsreiche Phase unseres Lebens. Wie gerne würde ich diese Maschine wieder zurückgeben, für mehr gemeinsame Zeit, mehr Ruhe und weniger Frust und Stress.

Existenzieller Mangel

Springen wir nochmal zurück auf die erste Ebene der Maslowschen Bedürfnispyramide – die physiologischen Grundbedürfnisse oder auch Existenzbedürfnisse. Diese müssen ALLE erfüllt sein um überhaupt weiteren Bedürfnissen nachgehen zu können und sowohl körperliches, geistiges und seelisches Wachstum zu erfahren.

Nahrung – Trinken – Wärme – Atmung – Schlaf

Haben wir bereits im Baby – und Kindesalter existenziellen Mangel erleben müssen, so entwickeln sich bei den allermeisten Menschen (neben vielen anderen möglichen psychologischen Beeinträchtigungen), vor allem existenzielle Ängste. Diese können unter anderem zu einem völlig verzerrten Konsumverhalten führen. Ich weiß wovon ich spreche!

Ich selbst habe einige Jahre lang erfahren müssen, wie bedrohlich ein Mangel an Nahrung, Kleidung und Fürsorge ist. Und es ist noch nicht besonders lange her, dass mich ein leerer werdender Kühlschrank oder kalte Füße im Winter panisch werden ließen. Mittlerweile kann ich gut damit umgehen, wenn erst meine Kinder ihr Frühstück bekommen, ich den umgeschütteten Saft aufgewischt und den ersten Geschwisterstreit des Tages besänftigt habe bis ich etwas zwischen die Zähne bekomme. Und wenn ich mich wochenlang nicht für geeignete Winterschuhe entscheiden kann, dann gibt’s einfach eine extra Lage Wollsocken an die Füße und die Welt ist für mich wieder in Ordnung.

Doch noch einen enorm weitreichenden Nebeneffekt hatten diese Erfahrungen: Ich konnte kaum etwas weg schmeißen. Alles was mir in irgendeiner Weise emotionalen Halt gegeben hat, musste aufbewahrt werden. Was das genau war und wie ich es geschafft habe zu erkennen, dass diese Sachen nur Ballast sind, könnt ihr in meinem vorherigen Blogpost nachlesen.

Konsum

Ich möchte aber auch die Kinder nicht unerwähnt lassen, denen es nicht an den Grundbedürfnissen mangelt, sondern im Gegenteil, die jedes neueste elektronische Gadget besitzen, die angezogen sind wie Modepüppchen und denen jeder WUNSCH von den Augen abgelesen wird. Denen es oft jedoch massiv an Liebe, Fürsorge und Aufmerksamkeit ihrer Eltern mangelt.

Diese Kinder lernen vor allem eins: Liebe = Konsum.

Wir sind also offen für jede Menge Ersatzbefriedigung – und genau hier setzt die gigantische Werbemaschinerie der Industrie perfekt an. Sie macht uns glaubend, dass wir all diese Dinge brauchen um glücklich und zufrieden zu sein. Marketingstrategien docken am limbischen System in unserem Gehirn an, genau der Bereich der mit der Vernunft nichts am Hut hat. Hier werden Entscheidungen auf emotionaler Ebene getroffen, perfekt um uns jeden erdenklichen Mist zu verkaufen. In der Fachsprache nennt sich diese Art von Marketing „limbischer Vertrieb“ oder „limbic selling“. Wir kaufen also, weil wir meinen, dass die Dinge uns glücklich machen.

Die Rechnung geht nicht auf

Die Dinge machen uns nicht glücklich, sie machen uns bequem, sie verstopfen unsere Wohnungen und Häuser, so dass wir gezwungen sind umzuziehen in noch größere Wohnungen und Häuser. Sie zwingen uns immer mehr zu malochen, immer mehr zu verdienen, unsere wertvolle Lebenszeit mit Arbeit, putzen, aufräumen, instand halten, reparieren, entsorgen, neu kaufen, reklamieren, zurück senden, hochwertigeres kaufen zu verplempern. Und das hat nicht nur Konsequenzen für uns selbst, sondern noch viel mehr für unsere Umwelt und für unsere Mitmenschen. Wir verbrauchen die Ressourcen unserer Erde und produzieren Müll als gäbe es kein Morgen mehr. Doch das ist nochmal ein anderes Thema.

Wir haben nur dieses eine Leben

Du hast es auch endlich satt dich mit diesen ganzen sinnlosen Dingen zu umgeben, die dich nur besitzen und einengen? Du willst deine Lebenszeit endlich für Sinnvolles nutzen? Du willst Zeit für dich? Du willst mit deinen Kindern spielen? Du willst etwas für andere Menschen tun? Du willst dich endlich selbst verwirklichen? Du willst am Ende deines Lebens zufrieden zurückschauen und deine Kinder nicht mit deinen Besitztümern zurücklassen? Krempel die Ärmel hoch und fang an dein Leben zu entrümpeln. Im dritten Teil meiner Serie zum Minimalismus stelle ich dir 3 Methoden vor, mit denen du schnell und effektiv deinen Kram los wirst.

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Alles Liebe für dich, Kirstin

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Ich bin Kirstin und der Ruhepol in der Familie. Wenn alle um mich herum mal wieder durchdrehen, bewahre ich einen kühlen Kopf. Als Dreifachmutter, Ehefrau und Sozialpädagogin weiß ich, wie ich mit Menschen mit einem ausgeprägten Charakter umgehe – und davon gibt es in meiner Familie reichlich. Ich suche immer wieder nach neuen Wegen frei, nachhaltig und minimalistisch im Einklang mit mir und meiner Familie zu leben – deshalb auch der Wunsch nach dieser Reise.