Es gibt viele unterschiedliche Wege, Digitaler Nomade zu werden. Wenn ich die meisten Berichte auf Facebook verfolge, war bei vielen der Weg recht geradlinig – Geld gespart, wenn genügend zusammen gekommen war den Job gekündigt, am besten nebenbei schon ein Online Business aufgebaut und dann in die große weite Welt gezogen.

Mein Weg

Geradlinig ist eine Beschreibung, die auf meinen Weg eher nicht zutrifft. Abgesehen davon, dass ich mich nicht alleine auf den Weg gemacht habe, sondern meine Familie mit drei Kindern (davon zwei schulpflichtig) mitgenommen habe, bin ich auch eher unfreiwillig zum Digitalen Nomaden geworden. Aber bekanntlich führen ja mehrere Wege nach Rom und ich bin mir sicher, dass ich dir mit den Irrungen und Wirrungen, die ich auf dem Weg vom Konzernangestellten zum Digitalen Nomaden gemacht habe, wertvolle Tipps geben kann.

Goodbye Konzern

Nach 15 Jahren als Angestellter im Vertrieb bei verschiedenen Telekommunikationsunternehmen hatte ich die Nase voll von Job-Hamsterrad, Fremdbestimmung und Extrameilen. Da kam mir das Personalabbauprogramm meines damaligen Arbeitgebers gerade recht. Da ich nicht auf der Streichliste war, bewarb ich mich kurzer Hand bei einem Freiwilligenprogramm, das der Betriebsrat als Voraussetzung für seine Zusage zum Personalabbauprogramm durchgeboxt hatte. Ich hatte das Glück, einen der heiß begehrten Plätze zu bekommen. Wie ich im Nachhinein erfahren hatte, waren die Plätze in diesem Programm um ein Vielfaches überbucht, so dass die Teilnehmer per first come, first served ausgewählt werden mussten. Das kann einem schon ein wenig zu denken, aber das ist ein Thema für einen anderen Blogpost.

Ich war also zum ersten mal in meinem Leben arbeitslos. Die Abfindung, die ich von meinem ehemaligen Arbeitgeber bekommen hatte, war ordentlich, allerdings auch nicht genug, um mit meinen damals 40 Jahren in Rente zu gehen. Schließlich hatte ich die Verantwortung für eine Familie mit 3 Kindern. Ich kann die ersten Einwände hier schon hören: wie kann man den nur so verantwortungslos sein und in so einer Situation seinen doch ach so sicheren Job kündigen?

F**k Sicherheit! Erstens hätte es mich in der nächsten Personalrunde genauso treffen können, da suche ich mir meinen Ausstand lieber selbst aus. Und zweitens: was nutzt dir die Sicherheit, wenn du dich jeden morgen selbst aus dem Bett prügeln musst um einem Job nachzugehen, den du hasst, der dich unzufrieden macht und hinter dem du null komma null stehst. Jeder Blick in den Spiegel morgens ließ mich fast kotzen – was war nur aus dem kleinen Anarcho geworden, der sich jetzt mit einem Boss-Anzug verkleidete und Kunden das erzählte, was Sie hören wollten, damit Sie einen Vertrag bei einem Unternehmen unterschrieben, hinter dem ich nicht stand.

Digitaler Nomade

Zum Glück hatte ich mir neben meiner Tätigkeit im Konzern ein zweites Standbein aufgebaut. Ohne langfristigen Plan und mehr aus dem Bauch heraus, aber es war ein Startpunkt. Die Dame vom Arbeitsamt konnte ich von der Förderwürdigkeit meines Projekts überzeugen und so kam ich in den Genuss eines Gründungszuschusses, der, zusammen mit den Einkünften meines zweiten Standbeins und meiner Abfindung, unser Überleben für das Erste sicherte.

Erste Schritte in der Selbständigkeit

Selbständig, das steht für selbst und ständig. Man muss alles selbst machen und ist ständig tätig. Einer von vielen Glaubenssätze, die ich mir zu eigen gemacht habe. Ich habe mich also in den Aufbau meines Geschäfts gestürzt und 60 Stunden und mehr pro Woche gearbeitet. Irgendwann festgestellt, dass das alles alleine nicht mehr zu bewerkstelligen ist. Büro angemietet, Mitarbeiter eingestellt, eine zweite Firma gegründet, noch mehr Personal eingestellt in der Hoffnung, dass die Arbeitsbelastung weniger wird. Doch genau das Gegenteil war der Fall: mit jedem neuen Mitarbeiter wurde die Arbeit mehr und der Druck und die Verantwortung stieg weiter. August 2016 gingen dann die Lichter aus – Burnout!

Mir wurde schmerzlich klar, dass ich mit meiner Selbständigkeit komplett aus den Sozialsystem raus was. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall – Fehlanzeige. Arbeitslosengeld – gibt’s nicht. Zum ersten mal seit meiner Entscheidung, meine Festanstellung zu kündigen, bekam ich das Gefühl, etwas unüberlegtes getan zu haben. Nein, viel schlimmer: die nackte Panik stieg in mir auf. Nicht wegen mir, sondern wegen der finanziellen Verantwortung für meine Familie. Unsere jüngste Tochter war zu dem Zeitpunkt gerade 8 Monate alt und meine Frau bekam nur den Mindestsatz von € 300 Elterngeld. Ich sah uns schon irgendwo unter der Brücke hausen.

Das kommende halbe Jahr war wirklich hart, sowohl für uns als Familie als auch für mich als Unternehmer. Ich kündigte allen Mitarbeitern und trennte mich von der Beteiligung meiner zweiten Firma. Die Geschäfte meiner Hauptunternehmung führte ich so gut es ging weiter. Nachdem ich in meinem Zustand keine Kundentermine mehr wahrnehmen konnte, konzentrierte ich mich auf Online, E-Mail und, falls es nicht anders möglich war, eine telefonische Betreuung meiner Kunden und Interessenten. Erstaunlicherweise funktionierte das fast besser, als zu jedem Kunden wegen jedem Problem hinzufahren. Ich merkte, wie ich dadurch meine Effektivität deutlich steigern konnte und baute die Reste meines Unternehmens komplett um. Während dieser Zeit lebten wir weitestgehend von meiner Abfindung.

Die Kosten müssen runter

Ohne Mitarbeiter und bald auch ohne Büro sanken die laufenden Kosten deutlich, aber noch nicht deutlich genug. Die Einnahmen aus meinem „neuen alten“ Unternehmen reichten noch nicht aus. Geschäftliche Ausgaben für einen Auto-Leasingvertrag, den ich nicht loswurde und private Kosten für Miete und Ganztagsbetreuung der Kinder zehrten weiter an unseren Ersparnissen.

Meine Frau war mir zu dieser Zeit eine große Stütze. Sie war es, die mit ihrem Hang zum Minimalismus den Grundstein für mein heutiges Leben als Digitaler Nomade legte. Was wäre denn, wenn wir unsere Kosten auf fast Null reduzieren, in dem wir alles aufgeben und für’s erste in den Wohnwagen ziehen, den wir auf einem nahegelegenen Campingplatz stehen hatten. Aus dieser Grundidee wurde unser Aufbruch in die Welt: wir beantragten eine einjährige Schulbefreiung für unsere Kinder, kündigten unsere Krankenversicherung und andere Versicherungen, organisierten einen Nachmieter für unsere Haus, verkauften den Großteil unseres Hausstandes und reisten mit dem Wohnwagen los.

Mein Leben heute

Seit zwei Monaten sind wir unterwegs und viele Bedenken, die wir hatten, haben sich als völlig unbegründet erwiesen. Mein Unternehmen läuft und unsere Kosten auf Reisen sind so niedrig, dass sich unsere Weltreise, abgesehen von den Kosten für die Flugtickets, von alleine trägt, wenn wir ein paar grundlegende Dinge berücksichtigen.

Digitale Nomaden

Was hast du davon?

Mit den Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren gemacht habe, würde ich heute einiges, wenn auch nicht alles, anders machen. Bei jedem ist die Ausgangslage unterschiedlich und jeder geht mit Herausforderungen anders um, aber ich denke, dass die nachfolgenden Hacks fast schon allgemeingültig sind.

Festanstellung ist keine Option

Du willst frei und unabhängig sein, selbst bestimmen, wann, wo und wie viel du arbeitest? Wenn du jetzt nicht gerade bei einem mega hippen Startup angestellt bist, die wirklich erkannt haben, dass eigenverantwortliche Menschen auch in der Lage sind, außerhalb von Büros und Arbeitsnachweisen produktiv zu sein, wirst du dich wohl selbständig machen müssen.

Bei all den Herausforderungen, die ich in den letzten Jahren gemeistert habe: die Tatsache, dass ich mich selbständig gemacht habe, habe ich nie bereut. Ich kann mir heute nicht mehr vorstellen, diese Freiheit jemals wieder aufzugeben. Und ich kenne viele, denen es genau so geht – wer einmal aus der Tretmühle Angestelltenverhältnis raus ist, kann dort nicht mehr zurück.

Ach ja, falls es das oben beschrieben Unternehmen tatsächlich in der Realität geben sollte, lass es mich bitte wissen.

Kündige deinen Job – zur rechten Zeit

Ich hatte das Glück, meinen letzten Arbeitgeber (und ich bin mir ganz sicher, dass es der letzte Arbeitgeber in meinem LEBEN war) mit einem netten Scheck zu verlassen. Dieses Glück haben nur sehr wenige, dessen bin ich mir bewusst. Daher mein Tipp: behalte deinen Job, mach Dienst nach Vorschrift und stecke deine ganze Energie in den Aufbau deines zweites Standbeins. Sobald du das für dich passende gefunden hast und deine Idee erste Gewinne abwirft, kündige. Und sei dir darüber klar, dass es vielleicht mehrere Anläufe braucht, bist du die passende Geschäftsidee gefunden hat, die sich finanziell trägt.

Sicher, du kannst auch als Digitaler Nomade starten und erst mal als Freelancer Aufträge annehmen, sei es als virtuelle Assistenz, Webdesigner, Übersetzer oder was auch immer. Dir sollte aber klar sein, dass du dann wieder in einer Abhängigkeit bist, die du mit einem eigenen Business vermeiden kann.

Starte als Solopreneur – und bleib erst mal dabei

Du hast deine Idee für dein Business umgesetzt und es trägt bereits erste Früchte? Super! Jetzt bitte nicht größenwahnsinnig werden (so wie ich es geworden bin). In den meisten Fällen brauchst du für dein Unternehmen erst mal kein Büro. Falls du deine private Adresse nicht im Impressum deiner Website stehen haben willst, kannst du dir bei einem der zahlreichen Anbieter für Virtual Offices eine repräsentative Adresse mieten. Meistens kann man bei diesen Unternehmen auch Besprechungszimmer anmieten, falls du doch mal ein persönliches Meeting hast.

Gleiches gilt für Personal. Versuche erst mal so viel wie möglich selbst zu machen. Und wenn es nicht mehr anders geht, dann hol dir Unterstützung von einer virtuellen Assistenz, anstatt jemand fest einzustellen. Du mietest dir ja auch keine Kuh, nur weil du ab und an mal ein wenig Milch trinken willst, oder?

Bleib flexibel – es kommt anders als du denkst

Vieles kann man planen, manches nicht. Manchmal gibt es Ereignisse, die einer Geschäftsidee, die eigentlich totsicher war, die Grundlage entziehen. Das können Gesetzesänderungen, ein veränderter Markt oder ein neuer Mitbewerber, den du nicht auf dem Schirm hattest, sein. Jetzt den Kopf in den Sand zu stecken, ist der falsche Weg. Überlege dir, wie du dein Business neu ausrichten kannst, um wieder marktfähig zu sein. Das ist die Kunst eines erfolgreichen Unternehmers – schnell und flexibel sind ändernden Marktverhältnissen anpassen. Apple und Nokia sind vermutlich die beiden besten Beispiele, wir man ein Unternehmen erfolgreich am veränderten Markt ausrichtet oder eben erfolgreich gegen die Wand fährt.

Schließe keine Verträge mit langen Laufzeiten ab

Gerade in der Anfangsphase kann sich sehr viel sehr schnell ändern. Wenn du dann einen Mietvertrag für ein schickes Büro mit einer Laufzeit von 5 Jahren abgeschlossen hast und dein Leasingvertrag für deinen BMW noch 30 Monate läuft, deine Geschäftsidee aber nicht funktioniert wie geplant, hast du ein Problem. Von daher starte lieber klein, am besten ohne Fremdkapital und bleibe flexibel.

Ein passives Einkommen ist nur eine verspätete Auszahlung für geleistete Arbeit

Viele träumen von einem passiven Einkommen und nur ganz wenige schaffen es tatsächlich. Und die, die es geschafft haben, haben vorher jede Menge Zeit investiert. Ein passives Einkommen ohne vorher dafür gearbeitet zu haben, gibt es nicht. Punkt. Egal ob du ein eBook, einen Videokurs oder ein anderes digitales Produkt verkaufst – du hast Zeit und Arbeit in die Erstellung des Contents investiert, für die du zu einem späteren Zeitpunkt Geld bekommst. Also erwarte bitte nicht, dass du mit Nichtstun ein passives Einkommen generieren kannst, auch wenn dir ganz viele mit Facebook Ads das Gegenteil verkaufen wollen.

Geld, das du nicht ausgibst, musst du nicht verdienen

Es gibt verschiedene Lebensentwürfe und alle haben ihre Daseinsberechtigung. Ich für meinen Teil habe erkannt, dass mich Besitz nicht wirklich glücklich macht. Ich pflege einen sehr minimalistischen Lebensstil der es mir ermöglicht, deutlich weniger als die meisten anderen Menschen für meinen Lebensunterhalt erwirtschaften zu müssen. Das Resultat daraus: ich arbeite jetzt nur selten mehr als 10 Stunden pro Woche und genieße die restlichen Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Denn für was soll das Leben da sein, wenn nicht zum leben.

Lebe (für) deinen Traum

Die wichtigste Lektion, die ich aus den vergangenen Jahren mitgenommen habe: lass dich nicht unterkriegen! Der Weg ist in den meisten Fällen nicht einfach, aber du hast ein klares Ziel. Schreib es auf und hänge es an einen Ort, an den du regelmäßig hinschaust. Das kann dein Badspiegel, Kühlschrank oder ein Platz auf deinem Schreibtisch sein. Formuliere dein Ziel in klaren, deutlichen Worten – kein Konjunktiv! „Im August 2017 werde ich mit meiner Familie auf eine einjährige Weltreise gehen“ stand auf meinem Zettel. Und genau da bin ich jetzt und lebe nicht mehr für meinen Traum, sondern ich lebe meinen Traum. Dafür haben sich alle Entbehrungen und Rückschläge der letzten Jahre gelohnt!

Digitale Nomaden

„Where the focus goes, energy flows“. Behalte dein Ziel im Auge und konzentriere dich darauf. Lass dich nicht ablenken von Zweiflern, die dir sagen, dass das nicht geht oder „man“ das nicht so machen kann. Bleib bei dir und du wirst sehen, dass dich deine Energie ganz von alleine in die richtige Richtung lenkt. Vertraue – auch wenn das nicht immer einfach ist.

Finde deinen persönlichen Weg zum Digitalen Nomaden. Wichtig ist nur, dass du los gehst, der Rest ergibt sich von selbst, wenn auch manchmal über Umwege. Mach dein Ding – das Leben ist zu kurz für faule Kompromisse!

Wenn du noch Fragen hast oder Unterstützung brauchst – immer rein in die Kommentare. Gerne kannst du mir auch eine Nachricht bei Facebook oder auf Instagram schicken.

Schau unbedingt auch in unsere Ressourcenliste – hier findest du einige Bücher, die mich bei meinem Weg begleitet haben.

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Hi, ich bin Alex, der kreative Kopf in der Familie und für alles technische zuständig. In meinem alten Leben habe ich viele Jahre im Vertrieb gearbeitet. Ein Burnout im Sommer 2016 hat meine Prioritäten gehörig verschoben – seitdem lebe ich mein Leben im hier und jetzt. Ich arbeite smart statt hart. Durch meinen Konsumverzicht muss ich weniger erwirtschaften. Die gewonnene Zeit nutze ich für das wertvollste auf dieser Welt: meine Familie.