Besitz belastet – klingt erst mal komisch. Ist es nicht das Ziel, Geld zu verdienen, um schöne Dinge besitzen zu können? Viele Jahre dachte ich das auch – bis ich von Menschen gehört habe, die Minimalismus praktizieren und dadurch glücklicher und zufriedener geworden sind. Lies in diesem Blogpost meine ganz persönliche Reise zum Minimalismus.

Wenn jemand eine Reise tut

Wir sind auf Weltreise, endlich! Wir haben unser Haus aufgegeben und unseren Hausstand von von 120 m² auf 12m² radikal reduziert. OK, ein paar Möbel, Winterklamotten, Spielsachen und diverse Dinge befinden sich in einer angemieteten Garage. Doch den Rest haben wir verkauft, verschenkt oder weg geworfen. Das war so viel, dass wir dafür viele Monate gebraucht haben. Dieser Prozess hat uns jede Menge Kraft und Nerven gekostet und er ist immer noch nicht abgeschlossen. Rückblickend haben wir uns sicher hunderte Male gefragt, warum wir dieses ganze Zeug seit Jahren und teils Jahrzehnten von einer Wohnung zur nächsten geschleppt haben. Und als uns der Platz in der Wohnung nicht mehr gereicht hatte, wir haben ja auch Kinder bekommen, musste es ein Haus sein, welches wir gefühlt in Nullkommanix wieder voll hatten. Und diese unendlich vielen Dinge wollten geputzt und aufgeräumt, ab und zu mal umgestellt, repariert oder gar ersetzt werden. Es gab immer etwas zu tun. Wir rutschten in eine Spirale aus Stress, die uns neben den Kindern, dem normalen Haushalt, der Arbeit und meinem Studium auffraß. Also schauten wir uns hilfesuchend nach allen Seiten um, doch Hilfe war so gut wie keine da. Unsere Köpfe mussten wir wohl selbst aus der Schlinge ziehen.

Der Stein, der alles ins Rollen brachte

Die Erkenntnis, dass ein Großteil unserer Probleme darin lag, dass wir uns mit den Dingen aufarbeiteten, die uns umgaben, hatten wir schon lange. Die Lösung, dass wir (zunächst) das Materielle reduzieren müssen und zwar drastisch, hat noch lange Zeit gedauert. An die Initialzündung kann ich mich allerdings noch sehr gut erinnern: wir hatten eines dieser klassischen Regale vom Möbelschweden, 180×180 cm, welches bis oben hin voll mit Büchern und Fotoalben und diversem Krimskrams war. Ich liebte mein Bücher, hatte ich sie doch schon alle gelesen und für toll befunden. So waren sie doch auch der Beweis, dass ich mir mit meinem ersten verdienten Geld endlich den ganzen Lesestoff kaufen konnte, den ich wollte. Ein paar wenige Exemplare hatte ich immer mal wieder im Verdacht, dass sie von mir noch ein zweites Mal gelesen werden. Die konnte ich auf keinen Fall weg geben! Und der Rest? Na der macht sich doch gut im Regal, so als Deko und überhaupt werde ich dann von Besuchern als belesene Person wahrgenommen. Herrjemine, hab ich mir lange Zeit ein paar Glaubenssätze angeeignet, über die ich heute nur noch lachen kann. Allein das Thema Glaubenssätze ist einen eigenen Blogpost wert. Doch zurück zu meinem Regal. Wir hatten uns natürlich die schwarze Variante ausgesucht, passend zu den anderen schwarzen Möbeln! Kannst du dir vorstellen, wie blitzschnell die einstauben? Die haben wir irgendwann auch alle ausgetauscht … hallo Konsum! Jedenfalls schaue ich mich im Wohnzimmer um und überlege mal wieder was mich daran so nervt. Mein Blick bleibt an diesem Bücherregal hängen und plötzlich schießen mir einige Fragen in den Kopf. Warum habe ich allen Ernstes diese Menge an Büchern da stehen, die ich nie wieder lesen werde, die ständig einstauben, die in diesem riesigem schwarzen Regal vergammeln und mich, genau wie die vielen anderen Dinge im Haus förmlich erdrücken? Warum sollen denn nicht auch andere Menschen ihre Freude mit den Büchern haben? Wäre es nicht wunderbar, wenn sie wieder weitergereicht und wieder gelesen werden würden und Menschen mit ihren Geschichten verbindet?

Minimalismus

 

Ich habe die Bücher, von denen ich mich leicht trennen konnte, sofort in zwei große Umzugskartons gepackt. Aus den Augen, aus dem Sinn. Einer lieben Freundin habe ich angeboten, sie möge sich nehmen was sie will. Wenn sie fertig ist mit lesen, kann sie die Bücher gerne weitergeben. Sie hatte sich so sehr gefreut und ich mich mit ihr. War das ein tolles Gefühl. Ich möchte ehrlich mit dir sein: Mittlerweile gibt es kein einziges dieser Bücher, Fotoalben und Krimskramskisten mehr, na und das Regal erst recht nicht, das staubt mittlerweile jemand anderes ab.

Der Prozess des Loslassens

Das Regal war also der Anfang meiner Minimalismus Reise, Alex ist erst lange Zeit später auf den Zug mit aufgesprungen. Doch es sollte noch ein paar Jahre dauern, bis wir endlich das Meiste reduziert hatten aus diesem Regal und dem anderen Hausrat. Minimalismus ist ein Prozess. Oft beginnt es im Kopf zu arbeiten, befördert dann eine Menge Emotionen nach oben, negative und positive und benötigt mehrere Etappen um an sein Ziel zu kommen. Und dieses Ziel kann bei jedem Einzelnen ganz unterschiedlich sein.

Unser Ziel ist es, unseren Besitz auf ein absolutes Minimum zu reduzieren und nur noch die Dinge zu besitzen, die wir zum Leben brauchen und die wir besonders lieben. Wichtig ist uns, viel mehr Zeit für uns, unsere Kinder, unsere Herzensmenschen und Herzenswünsche zu haben.

Minimalismus

 

Kein Nippes mehr, kein Schnick Schnack, nichts was in Schränken und Regalen versauert oder gar in Umzugskartons im Keller verstaubt, weil wir glauben dass wir die Dinge irgendwann nochmal gebrauchen könnten … für den Fall der Fälle, du kennst das sicherlich.

Keine Fotoalben von Englandklassenfahrten.
Keine alten Liebesbriefe.
Keine Erinnerungsstücke von Menschen, die wir schmerzlich vermissen.
Kein gutes Geschirr für den Fall, dass Gäste zu Besuch kommen.
Keine Kinderklamotten die noch 6 Jahre warten müssten bis sie unserer jüngsten Tochter passen.
Keine 35 IKEA-Imbusschlüssel.
Keine Bastelsachen, die eh niemand benutzt und die uns nur ein schlechtes Gewissen einreden wollen.
Keine Rechnungen von vor 5 Jahren.
Keine Bedienungsanleitungen, die wirklich alle im Internet zu finden sind.
Kein Papierkram, der nicht auch eingescannt versauern kann.

Ganz ehrlich, ich war eine Meisterin im Sammeln! Schon als Kind habe ich gerne Muscheln und kleine Porzellanfigürchen, Pionierhalstücher, einen selbstgestrickten Pullunder (der sah gruselig aus), Briefchen, die wir uns in der Schule geschrieben haben und Ordner voll mit meinem Abi-Unterlagen aufgehoben. Mein Herz hing an Zeug, nicht ohne Grund, klar, aber nichts was mein Leben wirklich bereichert hat. Und diesen Mist und noch viel mehr habe ich seitdem mit mir mitgeschleppt. Es war wortwörtlich und im übertragenen Sinn eine furchtbare Last. Nicht nur, dass mindestens 4 Umzugskartons voll mit dem Kram von einem Keller in den nächsten mitgezogen wurden, nein, immer wieder wenn ich doch mal einen Blick rein geworfen habe, kamen viele Erinnerungen hoch, meist unschöne, traurige und schmerzende. Erst als ich es geschafft habe, mich von diesen Dingen zu verabschieden und sie loszulassen, konnte ich nicht nur den physischen Ballast über Bord werfen. Auch auf mentaler Ebene wurde es leichter und erste Gefühle von Freiheit zogen ein. Ein wirklich unbeschreiblich wunderbares Gefühl.

Einfach ist Minimalismus nicht, hat ja auch keiner behauptet

Ich sage nicht, dass dieses Ding mit dem Minimalismus erstens leicht zu verstehen ist und zweitens leicht von der Hand geht: Kiste auf, Zeug rein, ab auf den Müll und alles ist gut funktionierte bei mir nicht. Vieles konnte ich erstmal nur in Teilen entsorgen. Es brauchte mehrere Runden, bis so gut wie alles Überflüssige weg war. Meistens begann so eine neue Runde mit einem Gefühl von Chaos in meinem Kopf, mit einer enormen Überforderung und einer absoluten Unruhe. Jedes mal wenn das aufkam, musste ich mir eine weitere Schublade oder Kiste vornehmen und diese aussortieren. Erst dann hatte ich für eine kurze Zeit Ruhe. Es gab Zeiten, da war ich so müde und hatte zu wenig Energie und Kapazitäten mit dem Ausmisten weiterzumachen. Auch wenn ich täglich gesehen habe, wie groß der Berg noch ist, den es zu bezwingen gilt, ich musste mir Pausen einrichten. Geholfen haben mir an diesen Punkten meist die vielen tollen Blogs, Vlogs und Bücher zum Thema Minimalismus. Auch Facebook ist eine große Stütze – besonders da gibt es diverse Motivationsgruppen, die sich in kleinen und großes Challenges gegenseitig anspornen. Mithilfe dieser „Tools“ haben wir Unglaubliches geschafft: Ein ganzes Haus entrümpelt und uns fehlt absolut nichts!

Aber Ich bin ehrlich mit dir: seit wir die Garage, in der wir unser restliches Hab und Gut lagern geschlossen haben, bin ich mir sicher, dass wir das Meiste davon auch nicht mehr brauchen. Genauso haben wir unseren Wohnwagen zwar wohl überlegt bestückt, aber auch hier viel zu viel mitgenommen. Wir sind also noch nicht am Ende unserer Minimalismus Reise, auch wenn wir schon sehr weit gekommen sind. Aber ich glaube es gibt auch kein Ende, denn unsere Lebensumstände und Ziele unterliegen ja wie alles im Leben dem ständigen Wandel. So werden sich auch die Ansprüche an unseren Besitz immer wieder verändern. Doch eines ist sicher, so kopfloser Konsum wie wir ihn jahrelang betrieben haben, kommt uns nicht mehr in unsere minimalistische (Einkaufs-)Tüte.

Minimalismus

 

Möchtest auch du dich von deinem physischen Ballast befreien, dann starte besser heute als morgen. Du wirst merken, dass du blitzschnell Erfolgserlebnisse zu verzeichnen hast. Wenn dich dein Besitz jedoch förmlich erdrückt und du nicht weißt wo du anfangen sollst, dann nimm dir ein kleines Eck vor, in einem Raum den du gerne magst und in dem du dich täglich die meiste Zeit aufhältst. Das kann ein Zeitungsstapel im Wohnzimmer sein, eine Fensterbank im Bad, ein Tisch im Esszimmer, eine Schale voll mit Kruschelkram oder der Besteckkasten in der Küche. Wichtig dabei ist, fange klein an und genieße danach den Erfolg! Und von diesem Eck aus, hangelst du dich weiter. Gib dir genügend Zeit! Und sollte es mal an einem Tag nicht weiter gehen, gib nicht auf. Der nächste Tag bringt neue Kraft.

Hast du Fragen zum Minimalismus an mich, dann ab in die Kommentare oder schreib mir auf Instagramm oder Facebook eine Nachricht.

Warum belastet Besitz unser Geld- und Zeitkonto und warum konsumieren wir im Übermaß? Die Antworten darauf findest du im zweiten Teil meines Blogposts.

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