Oh Sri Lanka,

unsere Beziehung ist ein einziges Missverständnis und ich befürchte, das werden wir nicht mehr aufklären. Schon am Flughafen hast du mich eiskalt erwischt. Ich wollte etwas Schokolade für die Kinder zum Nikolaus und du 17 Euro von mir. Da habe ich noch geschluckt und gezahlt. Du dachtest, ich bin reich, aber ich bin nur ein Langzeitreisender mit einem sehr knappen Budget. Tut mir leid, dass ich dich enttäuschen muss.

Wenn ich dich mit einer Frau vergleiche, erinnerst du mich an Claudia Cardinale, Sophia Loren oder Marilyn Monroe – du bist eine astreine Diva. Du bist wunderschön. Deine Strände leuchten golden in der Sonne und die blauen Wellen branden an eine Küsten. Deine grünen Hügel im Landesinneren laden zum verweilen ein. Du hast Kultur und Charme. Du bist vielseitig und verwöhnst meine Augen mit einer schier unendlichen Fülle an Farben. Du bist der Lebensraum für eine atemberaubende Tierwelt. Du hast mir Dinge gezeigt, die ich so zuvor noch nie gesehen habe.

Du wärst… perfekt … wenn nicht dein Charakter wäre. Als echte Diva kannst du richtig zickig sein. Und teuer. Richtig teuer. Zu teuer für mich und meinen Geldbeutel. Du verlangst viel und gibst wenig. Deine Hotels sind im Vergleich zu Süd-Ost-Asien teuer und sehr einfach. Und viel zu oft eine echte Wundertüte. Die Hotelpreise liegen zwischen 12 und 120 Euro – ohne dass es wirklich nennenswerte Unterschiede bei der Ausstattung oder Sauberkeit gibt. Auf Booking.com gibt es Fotos von Zimmern, die gar nicht existieren. Wenn man dann darauf besteht, das Zimmer ansehen zu wollen, wird man unter fadenscheinigen Gründen zu einer anderen Unterkunft gebracht.

Eine ernsthafte Unterhaltung mit dir zu führen ist schwer. Zu verschieden ist unsere kulturelle Ausgangslagen. Ich, der geradlinige Teutone, der freundlich aber bestimmt sagt, was er will. Du, die kleine Diva, die auch dann noch lächelt und drollig mit dem Kopf wackelt, wenn du mir mit einem Schnorchel eine überbrätst, weil mir der Preis für die Taucherbrille zu hoch ist. Ich habe versucht, mich auf dich einzulassen, deine Besonderheiten zu verstehen und zu akzeptieren – es hat nicht funktioniert. Ein schimmliges Zimmer ist für mich ein Grund nicht einzuziehen und nicht die Grundlage für eine Preisverhandlung. Hier ticken wir einfach zu verschieden.

In allen Ländern, in denen ich bisher war, habe ich einen kleinen Einblick in die, nennen wir es Volksseele, bekommen. Menschen, die einem Dinge gezeigt oder erzählt haben, die man als Tourist normalerweise nicht sieht. Oft unschöne Dinge. Warum Menschen ihren eigenen Lebensraum mit Plastik zumüllen. Warum der griechische Kfz-Mechaniker sich auf einen Job in Sindelfingen bewirbt, obwohl er sein Land liebt und es ihm das Herz bricht, es zu verlassen. Wie viel Geld ein Grab-Fahrer (das asiatische Pendant zu Uber) in Kuala Lumpur umsetzt und wie viel davon tatsächlich bei ihm hängen bleibt. Geschichten, die „Reisen“ von „Urlaub machen“ unterscheiden.

Du, Sri Lanka, hast dich dem komplett entzogen. Du bist immer freundlich und lächelst, doch du lächelst nicht mit deinem Herzen. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass du nicht mich, sondern meinen Geldbeutel anlächelst. Ich habe Verständnis dafür, dass der Eintritt in den botanischen Garten in Kandy und zu anderen staatlichen Sehenswürdigkeiten für Touristen um ein vielfaches teuer ist als für Einheimische. Diesen Aufpreis zahle ich gerne, wenn er offen und ehrlich kommuniziert wird. Wenn ich allerdings merke, dass es durchaus einen Grund hat, dass am Kiosk oder am Obststand keine Preise ausgezeichnet sind, fühle ich mich einfach ausgenommen wie eine Weihnachtsgans.

Und noch etwas: ich tue mich schwer mit deinen Manieren. Dein Rotzen und auf den Boden spucken finde ich ekelig. Ich weiß, du kannst nichts dafür, es ist hier völlig normal und ich sehe das mit meiner westlichen Brille. Es stört mich trotzdem. Und was den Straßenverkehr angeht bist du ein echter Macho: der mit dem größten Teil darf sich am meisten raus nehmen. Während du als Fußgänger in einem permanenten Stadium der Angst lebst und jederzeit bereit sein musst, mit einem Riesensatz in den Straßengraben zu springen, kannst du es im Bus ganz entspannt angehen lassen. Denn wer die größte Masse und die lauteste Hupe hat, darf auch ganz ungeniert auf der Gegenfahrbahn fahren. Der Pöbel hat zu weichen wenn der Dick(e) kommt.

Ach Sri Lanka, ich habe mich auf dich gefreut und viel erwartet. Wahrscheinlich zu viel. Aber wer weiß, vielleicht geht es dir ähnlich und du bist mit einem reichen Russen besser dran. Der kann dir dann mit seinem Ghettoblaster Musik vorspielen, wenn er sonnenverbrannt auf seinem Roller zum Strand fährt. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Sri Lanka, ich werde dich verlassen. Weihnachten können wir noch zusammen verbringen, dann ziehe ich weiter – Malaysia war gut zu mir.

Mach’s gut,
Dein Alex

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