In Deutschland gilt Schulpflicht, ohne wenn und aber. Mit schulpflichtigen Kindern auf Weltreise zu gehen, ist daher eine ganz besondere Herausforderung. Das mussten wir auch feststellen, als wir uns zum ersten mal intensiver mit dem Thema auseinander gesetzt haben. Um es bereits vorweg zu nehmen: Wir haben es geschafft, für beide Kinder eine Schulbeurlaubung für ein ganzes Jahr zu erhalten. Wie wir das geschafft haben und was dabei zu beachten ist, zeigen wir dir in diesem Artikel.

Gesetzliche Grundlagen der Schulpflicht in Deutschland

In Deutschland gilt, im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern, in denen lediglich eine Bildungspflicht besteht, eine allgemeine Schulpflicht. Das bedeutet, dass alle in Deutschland gemeldeten Kinder und Jugendliche bis zu einem bestimmten Alter bzw. bis zur Beendigung einer Schullaufbahn verpflichtet sind, eine Schule zu besuchen.

Die Umsetzung der Schulpflicht ist (wie soll es anders sein) Ländersache, weshalb in den einzelnen Bundesländern zum Teil ganz unterschiedliche Bestimmungen gelten. Die konkreten Bestimmungen sind hier zu finden. Eine zeitweise Befreiung von der Schulpflicht ist in einigen Bundesländern in besonders begründeten Ausnahmefällen möglich. So kann bspw. in Nordrhein-Westfalen oder Bayern eine Beurlaubung von der Schulleitung „aus wichtigem Grund“ genehmigt werden. Möglich ist das unter anderem bei einem Auslandsaufenthalt, dann allerdings nur bei Besuch einer Schule im jeweiligen Land.

Dass sich das bei einer Weltreise schwierig gestaltet, liegt auf der Hand. Einen Hinweis auf eine Weltreise findet sich im zugehörigen Runderlass des Kultusministeriums in NRW auch nicht. Nachdem aber die „wichtigen Gründe“ keine abschließende Aufzählung ist, gibt es hier auch Raum für Einzelfallentscheidungen. Eine Vielzahl von weltreisenden Familien, auf die wir bei unserer Recherche gestoßen sind, bestätigen das.

Bildungspflicht statt Schulpflicht

weltreiseMit der Schulpflicht unterscheidet sich Deutschland von vielen anderen europäischen Ländern wie z.B. Österreich, Frankreich oder der Schweiz, in denen es zwar eine Bildungspflicht, aber keine Schulpflicht gibt. Konkret bedeutet das, dass Kinder hierzulande nicht zu Hause (oder auf Reisen) unterrichtet werden dürfen, sondern eine Schule besuchen müssen.

Homeschooling oder Freilernen außerhalb einer staatlich anerkannten Schule verstößt damit in Deutschland gegen das Gesetz – eigentlich unfassbar, wenn man sieht, dass das Konzept in vielen anderen Ländern nicht nur zulässig ist, sondern zu Hause unterrichtete Kinder Abschlussprüfungen für die mittlere Reife oder das Abitur mit ähnlich guten oder zum Teil sogar besseren Ergebnissen ablegen wie Kinder aus Regelschulen.

Wie haben wir die Beurlaubung bekommen?

Unsere zwei großen Töchter sind beide schulpflichtig. Als erstes gingen wir die Beurlaubung für Marlene, unsere mittlere Tochter an.

Mission #1: Marlene

schulpflichtUnsere erste Anlaufstelle war die Klassenlehrerin. In unserem Fall war es sehr praktisch, da die Lehrerin von Marlene gleichzeitig auch die Schuldirektorin ist. Nach einer ersten Anfrage per E-Mail mit der Bitte um ein persönliches Gespräch wurden wir zunächst an das zuständige Schulamt verwiesen, da sie das nicht entscheiden könne. Ein verbreiteter Irrtum, wie sich später herausstellte, denn die Entscheidungsvollmacht über eine Beurlaubung liegt tatsächlich bei der Schulleitung.

In einem Telefonat rund eine Woche nach der E-Mail hat uns die Direktorin dann unsere Unterstützung zugesichert. Sie hatte sich selbst noch mal im Internet belesen und war sehr angetan von unserem Vorhaben, mit den Kindern auf Weltreise zu gehen. Auch das Timing könnte besser nicht sein, da für Emilia nach dem Schuljahr der Übertritt auf eine weiterführende Schule an stand und Marlene, die auf Grund Ihrer frühen Einschulung eine der jüngsten in der Klasse ist, eine Wiederholung der Klasse zu Ihrem besten wäre. An der Stelle sollte ich noch erwähnen, dass unsere Kinder beide eine Montessori Grundschule besuchen, in der es kein starres Klassensystem gibt und Kinder von der 1. bis zur 4. Jahrgangsstufe altersgemischt lernen.

Der nächste Schritt war also, unser Anliegen beim zuständigen Schulamt vorzutragen. Erstaunlicherweise erwies sich auch diese Hürde kleiner als gedacht. Ich telefonierte rund 15 Minuten mit dem Schulamtsdirektor und erzählte ihm, dass ich die Möglichkeit hätte, als freier Reiseberichterstatter für ein Jahr ins Ausland zu gehen und wartete auf die Reaktion. Nach einigen Nachfragen (ob wir denn das Kind nicht vor Ort in einer Schule anmelden könnten und ob denn nicht meine Frau mit den Kinder zu Hause bleiben könnte) bat er um eine Woche, damit er das Thema bei der Staatsregierung vortragen kann. Ich sah unsere Felle davon schwimmen …

Nachdem ich nach zwei Wochen immer noch nichts gehörte hatte rief ich den Schulamtsdirektor nochmals an. Einigermaßen verwundert informierte er mich, dass er doch schon vor einer Woche die Direktorin der Montessori Schule informiert hatte, dass die Beurlaubung in Ordnung gehe. Er hatte sich lediglich bei der Staatsregierung erkundigt, auf Grund welchen Paragrafen (§ 20 Abs. 3 BaySchO) die zeitweilige Befreiung von der Schulpflicht erfolgen kann. Die Entscheidung für die Beurlaubung liege aber bei der Schulleitung.

Der Ball wurde also von Landesebene auf kommunale Ebene zurück gespielt, unser großes Glück. Nach einer weiteren Woche Warten bekamen wir dann auch schriftlich die Zusage für die Beurlaubung unserer Tochter Marlene. Das erste Kind hatte also eine Schulbefreiung für ein ganzes Jahr, weiter mit Kind 2.

Mission #2: Emilia

weltreiseUm es kurz zu machen: bei Emilia hatten wir genau nochmal das gleiche Spiel. Nachdem sie dieses Jahr die 4. Klasse abschließen und nach der Reise auf das Gymnasium gehen möchte, mussten wir uns an die Direktorin der neuen Schule wenden. Auch diese war etwas verunsichert und verwies zunächst auf die Schulordnung in der steht, dass die notwendige Übertrittsprüfung (Kinder der Montessori Schule sind nicht automatisch für den Übertritt auf das Gymnasium berechtigt, sondern müssen eine Prüfung ablegen) nur für das direkt folgende Schuljahr gilt. Dennoch sicherte sie uns zu, dass sie die Möglichkeiten beim Schulamt und beim Kultusministerium abklären würde. Und wieder schwammen uns die Felle davon…

Nachdem sie vom Schulamt zum Einen erfahren hatte, dass wir bereits für Marlene eine Beurlaubung erwirkt hatten und zum Anderen das Ministerium ihr bestätigte, dass sie selbst über die Beurlaubung entscheiden darf, war die Freistellung von Emilia nur noch eine Formsache.

Fraglich war nur, ob sie denn die Übertrittsprüfung  nochmals ablegen müsse. Wie sich zum Glück herausgestellt hat, ist dem nicht so. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an das Engagement der Direktorinnen beider Schulen, sowie dem Schulamtsdirektor.

Was waren die entscheidenden Faktoren?

Leider müssen wir es so sagen, der wichtigste und entscheidendste Faktor war tatsächlich Glück, Karma oder Schicksal (das darf sich jeder nach seinem persönlichen Gusto aussuchen).
Wenn wir es nicht geschafft hätten, Schulleitung und Schulamt von unseren Plänen zu überzeugen, hätten wir keine Schulbefreiung bekommen. Wenn auch nur eine der beteiligten Personen für unsere Idee nicht offen gewesen wäre, hätte es nicht geklappt.

Hier kurz zusammengefasst auf was du achten solltest, wenn du eine Beurlaubung von der Schulpflicht wegen einer Weltreise beantragst:

Bereite dich gut auf das Gespräch vor!

Lies dich in die entsprechenden Landesgesetze ein und notiere dir die entscheidenden Paragrafen. Suche nach Erfahrungsberichten anderer reisender Familien. Besonders auf den sozialen Plattformen findest du diverse Gruppen von Familien auf Weltreise. Vielleicht gibt es sogar an deiner Schule andere Eltern, deren Kinder zeitweise von der Schulpflicht freigestellt wurden. Überlege dir schon im Vorfeld mögliche Einwände seitens der Schule und wie du diese entkräften kannst (z.B. kann die Frage aufkommen wie du die Beschulung während der Reise sicherstellen möchtest).

Du brauchst mindestens einen guten Grund!

Es ist wie es ist: Einfach mal eben so auf Weltreise gehen um die Freiheit zu schnuppern, die einen so sehnsüchtig ruft ist kein schlagfertiges Argument für eine Schulbefreiung. Deutschland möchte seine Kinder in der Schule sehen und nicht auf Dauerurlaub. Es muss also ein sogenanter begründeter Ausnahmefall vorliegen. In unserem Fall haben wir den Joker „beruflich einen Reisblog schreiben“ gezogen, den wir in der Tat gerne umsetzen möchten, um uns u.a. damit zu finanzieren.

Suche immer erst das persönliche Gespräch!

Denn nur im direkten Kontakt kannst du zusätzlich zu deinen schlagkräftigen Argumenten deine Persönlichkeit gekonnt einsetzen. Feile nicht lange an tollen und überzeugenden Sätzen in einer E-Mail oder gar einem Brief. Unklarheiten und Rückfragen können nur face-to-face oder telefonisch ohne Verzögerungen besprochen werden. Du musst immer davon ausgehen, dass dein Gesprächspartner bisher keinerlei Erfahrungen hat in der Beurlaubung bzw. Freistellung von Kindern hat. Schließlich kommt es für ihn auch nicht jeden Tag vor, dass Eltern ihr Kind von der Schulpflicht wegen einer Weltreise befreien lassen wollen. Es werden also erst mal große Unsicherheiten und danach einige Fragen auf der anderen Seite aufkommen. Vermutlich haben einige andere uns bekannte Familien die Genehmigung nicht erhalten, da die Lehrkräfte selbst Ängste haben, dass die Kinder durchs System rutschen, oder sie vom Schulamt/Kultusministerum/Landesregierung oder persönlich von Frau Merkel eins auf den Deckel bekommen. Greift diese Sorgen im Gespräch auf und entkräftet sie. Verweist auch darauf, welche Konsequenzen ein negativer Bescheid für deine Familie mit sich ziehen kann, etwa finanzielle Einbußen, Unsicherheiten bei den Kindern, da sie quasi von der Schule gehen und nicht nur beurlaubt werden usw. Und macht deutlich, dass die Alternative nur die Abmeldung aus Deutschland wäre, somit die Konsequenzen ähnlich gelagert sind und ihr darüber hinaus keinen Anspruch mehr auf weitere Sozialleistungen wie bspw. Elterngeld habt. Auch Probleme mit dem Arbeitgeber und der Krankenkasse könntet ihr nennen.

Lass dich nicht vorschnell an andere Stellen verweisen!

Grundsätzlich liegt die Entscheidungshoheit bei der Schulleitung. Sollte sich diese unsicher sein und Rücksprache halten wollen mit höheren Stellen (Schulamt, Kultusministerium etc.), dann biete an, dass die jeweiligen Ansprechpartner dich auch direkt kontaktieren können. Denn deine Beweggründe kannst eben nur du aus erster Hand ausführlich darlegen.

Hab einen Plan!

Einige Schulvertreter werden wissen wollen, wie du die Wissensvermittlung deiner Kinder während der Weltreise sicherstellen möchtest. Auch wenn wir vom Freilernen überzeugt sind, so ist das kein weit verbreitetes Schulmodell und sollte eher nicht als Alternative aufgeführt werden. Falls doch sollte es nur als wunderbarer „Nebeneffekt“ erwähnt werden. Hol dir den/die LehrerIn deines Kindes auf deine Seite, indem du betonst wie wichtig es dir ist (denn das wird es dir bestimmt sein), dass deine Kinder am Ball bleiben. Bitte sie dir Unterrichtsmaterialien zur Verfügung zu stellen (Arbeitshefte, Kopien, Bücher, Internetseiten mit entsprechenden Materialien etc.) und frage nach, ob ein regelmäßiger E-Mail Verkehr möglich ist um bei Bedarf weitere Materialien anzufordern. Sollten die Lehrer nicht gleich danach fragen, betont im Erstgespräch dennoch wie viel euch daran gelegen ist, dass eure Kinder unterwegs Materialien haben um dran zu bleiben.

Finde heraus, welche Formalitäten notwendig sind!

Nachdem persönlich alles geklärt ist, hake nach wer was schriftlich von dir braucht. Meist ist ein formloser Antrag bei der Schulleitung notwendig. Lass dir die Genehmigung schriftlich bestätigen. Geht dein Kind auf eine Privatschule (z.B. Montessori), dann beantrage die Stilllegung der Zahlungen für das entsprechende Schuljahr, lass auch das schriftlich bestätigen.

Was tun, wenn die Freistellung abgelehnt wird?

Für den Fall, dass wir die Beurlaubung nicht bekommen hätten, hatten wir bereits einen Plan B in der Hinterhand. Denn wer nicht in Deutschland gemeldet ist, für den gilt auch keine Schulpflicht. Im schlimmsten Fall hätten wir die Kinder einfach in Deutschland abgemeldet. Allerdings hat eine Abmeldung aus Deutschland eine Vielzahl von Konsequenzen, negative wie auch positive, wozu auch unter Umständen der Wegfall des Kindergeld gehören kann.

Lass Dich also nicht entmutigen. Wie du siehst gibt es immer einen Weg, auch wenn dieser oft steinig und schwer ist, doch wer hat behauptet dass es einfach ist.

Gott mit Dir du Land der Bayern

Noch eine kleine Anekdote zum Schluss: bei unserer Recherche haben wir uns natürlich auch mit dem bayerischen Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen auseinander gesetzt. Uns war durchaus bewusst, dass in Bayern die Uhren ein wenig anders ticken als im Rest von Deutschland, aber was wir in Artikel 1, Absatz 1 (also ganz als erstes) gefunden haben, hat uns dann doch zu heftigen Kopfschütteln animiert:

(1) 1Die Schulen haben den in der Verfassung verankerten Bildungs- und Erziehungsauftrag zu verwirklichen. 2Sie sollen Wissen und Können vermitteln sowie Geist und Körper, Herz und Charakter bilden. 3Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung, vor der Würde des Menschen und vor der Gleichberechtigung von Männern und Frauen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft, Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne und Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt. 4Die Schülerinnen und Schüler sind im Geist der Demokratie, in der Liebe zur bayerischen Heimat und zum deutschen Volk und im Sinn der Völkerversöhnung zu erziehen.

Bisher dachten wir, in einem Land zu leben, in dem Kirche und Staat getrennt sind, aber für Bayern scheint das nicht zu gelten. Erst kommt Gott und dann die Würde des Menschen! Wenigstens kommt die Demokratie noch vor der Liebe zur bayerischen Heimat.

Es sind noch viel mehr Familien gemeinsam mit ihren (schulpflichtigen) Kindern auf Reisen. Wie bei ihnen die Schulbefreiung geklappt hat, oder auch nicht, könnt ihr auf deren Blogs nachlesen:

Wie sind deine Erfahrungen mit dem Thema Schulbefreiung? Wurde dein Kind ebenfalls beurlaubt oder musstet du dich aus Deutschland abmelden? Wir sind neugierig und freuen uns auf deinen Kommentar!

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Hi, ich bin Alex, der kreative Kopf in der Familie und für alles technische zuständig. In meinem alten Leben habe ich viele Jahre im Vertrieb gearbeitet. Ein Burnout im Sommer 2016 hat meine Prioritäten gehörig verschoben – seitdem lebe ich mein Leben im hier und jetzt. Ich arbeite smart statt hart. Durch meinen Konsumverzicht muss ich weniger erwirtschaften. Die gewonnene Zeit nutze ich für das wertvollste auf dieser Welt: meine Familie.